Die meisten Häuser erzählen ihre Geschichte, weil sie eine brauchen. Diese hier stand schon, als in Sasbachwalden vierundachtzig Bürger lebten – und sie hat alles überstanden: Hungerjahre, Versteigerungen, eine Inflation und ein Amt, das ein Café für überflüssig hielt.
Vierhundert Jahre am selben Bach
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Vierhundert Jahre am selben Bach
1624 · Eine Mühle im Tal
Als die Talmühle zum ersten Mal in den Akten auftaucht, hat Sasbachwalden 84 Bürger. Vierhundert Jahre später steht sie immer noch am selben Bach.
1823 · Verbotenes Brot
Der Müller beschwert sich bei der Obrigkeit: Joseph Fallert lasse sich „ungescheut beygehen“, für Kunden zu mahlen und Brot zu backen. Der Vogt verbietet es streng. Zwei Jahre später ersteigert Fallert die Talmühle selbst – für 850 Gulden, im letzten Anbot. So beginnt die Geschichte einer Familie, die mit verbotenem Brot anfing und bei einem Michelin-Stern aufhörte.
1850 · Heiligabend
Hungerjahre ruinieren die Mühle; zwei Versteigerungen finden keinen Käufer. Bei der dritten, am 24. Dezember 1850, hebt der jüngere Bruder die Hand. Die Talmühle bleibt in der Familie – und wird sie für die nächsten hundertsiebzig Jahre nur ein einziges Mal kurz verlassen: 1923, für 80 Millionen Inflations-Mark.
1938 · Das Café, das es nicht geben sollte
Die Fallerts wollen neben ihrer Bäckerei ein Café eröffnen. Das Bezirksamt lehnt ab: Das Bedürfnis „nach Kaffee und nichtalkoholischen Getränken“ sei im Ort „in hinreichendem Masse“ gedeckt. 1950 kommt die Erlaubnis doch – und aus dem überflüssigen Café wird eine der ersten Genuss-Adressen Badens.
1968 · Ein Achtzehnjähriger übernimmt die Küche
Am Samstag, dem 3. Mai 1968, kocht Gutbert Fallert sein erstes Tagesmenü: gekochte Ochsenbrust mit Meerrettich. Im selben Jahr wird aus dem Café Fallert das Hotel „Talmühle“.
1976 · Der Stern, der blieb
Michelin zeichnet die Küche aus – und dann jedes Jahr wieder, einundvierzig Mal in Folge, ohne eine einzige Unterbrechung. Kaum ein anderer Koch in Deutschland hat das geschafft. Gutbert Fallert sagte dazu nur: „Den Stern bekommt man nicht allein – man braucht eine gute Mannschaft dazu.“
2021 · Keine Reden, nur Geschichten
Nach 71 Jahren schließt die Talmühle. Zum Abschied laden die Fallerts ehemalige Mitarbeiter und Weggefährten ein – große Reden gibt es keine. Gekauft wird das Haus von einem Mann, der Jahrzehnte hier zu Gast war: einem Mitgründer des Fallert Fan Clubs.
Heute
Aus der Talmühle wird das Maison Talmühle – mit neuen Gastgebern und einem neuen Kapitel, geschrieben mit Respekt vor den sieben davor. Am Eingang hängt ein Eckbalken der alten Mühle. Er war schon da, als alles anfing.